Donnerstag, 25. Juni 2015

Kurzgeschichten auf dem Blog: Rona



Heute eine neue Geschichte für euch!
Und bald gibts auch wieder Infos über mein aktuelles Schreiben - und was ich damit so anstelle. Aber da müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Gedrückte Daumen, dass die Post nicht wieder zu streiken beginnt könnten helfen. ;)
Viel Spaß mit meiner Katzen-Kurzgeschichte!

~*~



Rona
Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch die nur halb zugezogenen Vorhänge, und ich kann die Wärme auf meinem Fell spüren. Ich liebe diesen Platz, meine Menschin hat mir eine Decke direkt vor die Schrankwand im Wohnzimmer gelegt. Sobald ich die Augen aufschlage, kann ich durch die Glastür zum Garten das Grün des Rasens sehen und mich von den warmen Sonnenstrahlen streicheln lassen.
Ich seufze auf, strecke mich genüsslich und bleibe irritiert liegen. Irgendetwas ist da.
Meine Nase beginnt zu kribbeln, und meine Ohren drehen sich in alle Richtungen.
Ich spüre, dass ich beobachtet werde. Langsam drehe ich meinen Kopf, sehe mich um und mache eine fantastische Entdeckung: Eine schwarze Spinne, nur wenige Schritte von mir entfernt, an der gegenüberliegenden Zimmerwand.
Spielzeug! Da ich mich erinnern kann, wie Monika auf diese Bestien reagiert, beschließe ich, mich heldenhaft in den Kampf zu stürzen, um sie vor dieser Gefahr zu schützen.
Ich lasse die Spinne nicht aus den Augen und richte ich mich auf. Ganz langsam, um das achtbeinige Ungeheuer nicht zu erschrecken, rolle ich mich auf meinen Bauch und ziehe die Beine an. Aufgeregt lasse ich meinen Schwanz durch die Luft peitschen und lecke mir über die Nase, verlagere mein Gewicht auf die Vorderpfoten. Ich drücke meine Schultern herunter und springe. Ich komme genau vor der Spinne auf, die feige wegkrabbeln will. Mit den mir natürlich eigenen Instinkten schlage ich mit meiner linken Vorderpfote zu und bestaune den graziösen Fall der in sich zusammensackenden Kreatur. Ich lauere noch einen Moment, ob die Spinne meinen Angriff überlebt hat, und will mich gerade abwenden, als ich in den Augenwinkeln ein Zucken bemerke.
Ich ducke mich, taste nach dem Körper der Spinne und tätschele sie mit meiner Pfote, als sie plötzlich ihre acht Beine ausfährt und durch das Wohnzimmer rennt. Ich hechte hinterher, rutsche aus und gegen ein Tischbein. Ich höre den Farn auf dem Tisch rascheln und gleich darauf ein Scheppern. Ups.
Bagatellschäden.
Die Spinne krabbelt den Tisch hoch und ich hinterher.
Ich überlege kurz, ob Monika sehr sauer sein wird, konzentriere mich dann aber gleich wieder auf mein Opfer. Eben jenes Getier hat den Tisch schon abgelaufen und ist auf der anderen Seite auf dem Weg nach unten. Ich sprinte über den Tisch und warte. Bedrohlich sehe ich auf sie herab, und als sie in Richtung Schrankwand läuft, springe ich auf sie zu. Der Tisch rutscht ein Stück nach hinten, das tut er immer, seitdem Monika diese unsinnigen Gleitpads angebracht hat. Ich habe mich beinahe zu Tode erschrocken, als ich einmal nach einem Sprung ins Straucheln geriet und mich nur mit Mühe am Sofa festhalten konnte. Monika war selbst schuld, dass ihr Sofa hinten nun in Streifenmuster bezogen ist.
Die Spinne habe ich verfehlt, doch verfolge ich sie weiter mit meinen Augen. Sie biegt vor meiner Decke ab, riecht wahrscheinlich den übermächtigen Gegner und schickt sich an, unter den Heizkörper am Fenster zu krabbeln. Mit einem gewaltigen Satz bin ich bei ihr, erwische zwei ihrer acht Beine und murre ärgerlich, als ich sie weiterkrabbeln sehe. Nun reicht es mir aber!
Mit einem Fauchen fahre ich die Krallen aus und halte auf die Spinne zu. Ich verfehle sie nur knapp, doch die Kratzer im Parkett werden noch ewig von meinem Engagement zeugen. Als sie gerade die Wand hinter der Heizung erklimmen will, erwische ich sie und miaue triumphierend, als sie halb durchtrennt auf den Boden fällt. Die wird nirgendwo mehr hinrennen.
Ich beschließe meine Heldentat sogleich zu belohnen: Ich weiß, wo Monika die Katzendrops aufbewahrt.
Vergnügt schlendere ich durch den Flur, hinein in die Küche.
Ein Kratzen an der Haustür, dann das charakteristische Klopfen von Monikas Schlüsselbund an der Tür. „Rona“, kreischt sie auch schon, und ich hechte aus dem Schrank, gerade rechtzeitig bevor sie in die Küche tritt. Ich miaue zur Begrüßung, streife einmal um ihre Beine, fliehe flugs vor ihren zugreifenden Händen und laufe dann ins Wohnzimmer, um mein Geschenk zu holen. Da wird sie Augen machen! Sie mag Überraschungen.
Ich kicke die Spinne vor mir her und bemerke nicht, dass sie eine rote Spur hinterlässt. Vor der Tür angekommen maunze ich laut, und gut erzogen wie Monika ist, dreht sie sich zu mir um. Und ihr Gesicht! Es ist, als hätte sie nie etwas Schöneres gesehen, als diese tote Spinne. Ihre Augen weiten sich, ihr Mund öffnet und schließt sich, sie findet keine Worte. Ist das schön!
Begeistert befördere ich das Untier mit einem Pfotenhieb direkt vor Monikas Füße.
So hoch habe ich sie noch nie springen sehen. Die sollte echt zur Olympiade!
„Oh, Rona! Dieses ekelhafte Tier mir hier so vor die Füße zu schmeißen … Nein, wie kannst du nur!“ Ich erkenne fachkätzisch an ihrer Tonlage, dass sie scheinbar doch nicht ganz so begeistert ist. In diesem Fall ist es besser, wenn ich nicht in der Nähe bin, wenn sie meine Umgestaltung des Wohnzimmers entdeckt.
Monika hat mittlerweile eine Hand voll Küchentücher genommen und das schwarze Etwas in die Biotonne entsorgt. Sie schüttelt den Kopf und ich höre sie murmeln: „Erst die Couch, jetzt das … was kommt als Nächstes?“
Nein, definitiv, ich werde mich heute nicht mehr im Wohnzimmer aufhalten. Als meine Menschin ihre Tasche abstellt und ihre Schuhe in die Ecke kickt, um dann ins Wohnzimmer zu gehen, sehe ich mich gezwungen, meinen Platz auf dem hohen Schlafzimmerschrank einzunehmen, auf dem sie mich nicht direkt sehen kann.
23 ... 24 ... Gerade rechtzeitig.
„Rona! Ich fasse es nicht!“ Ich höre sie durch die Gegend laufen, befinde dann aber, dass ein Nickerchen hier oben die weitaus bessere Aussicht ist, als einer wütenden Menschin zu begegnen. So etwas Undankbares!
Ich warte hier ab, bis sie sich wieder beruhigt hat. Das dauert ja nie lange. Mir ist, als wäre ich eben gerade erst eingenickt, als mich ein ungeheuerliches Jammern aufweckt. Oh nein. Monikas legt wieder los.
Ich murre übellaunig und vergrabe meinen Kopf unter der rechten Pfote. Die Menschin in der Küche hat es sich zur Gewohnheit werden lassen, schrill und schräg zu singen, während sie ihr eigenes Essen zubereitet. Das allein stört mich gar nicht, wäre das Gejammer nicht so unglaublich laut. Und würde sie nicht zeitgleich meine Leckereien rausrücken, so dass ich diesem Spektakel gar nicht entgehen kann, wenn ich mein Futter haben möchte. Und was gibt es da immer Leckeres, da kann man nicht meckern. Meine Schnurrhaare zucken vor Vorfreude, als ich von meinem Versteck springe.
Gerade jetzt riecht es nach Thunfisch aus der Dose – meine Leibspeise. Da kann man schon mal über das grausige Gejammer Monikas hinweg sehen. Außerdem hat sie ganz offenbar ihren Groll vergessen, wenn sie schon wieder so plärren kann. Sehr schön.
Gemächlich mache ich mich auf den Weg, strecke mich ausgiebig und laufe dann, scheinbar gelangweilt, Richtung Küche. Ja, eindeutig, Thunfisch. Der Geruch lässt mich in leichten Laufschritt fallen, und ich flaniere um die Ecke, durch die Küchentür – direkt in Monikas Arme. „Rona, Schätzchen! Sieh nur, was Mami dir Leckeres auf deinen kleinen Katzenteller gelegt hat. Und das, wo du so frech warst heute! Na, hat die Rona die Mami lieb?“
Ja, ich liebe meine Mami, aber wenn Mami mich nicht bald wieder los lässt, hinterlasse ich ein paar liebevolle Kratzer auf ihrer Wange! Monika drückt mich eng an ihre Brust und wiegt mich wie ein Menschenbaby. Ein aufgebrachtes Maunzen sollte ihr Warnung genug sein.
Netterweise setzt diese anhängliche Person mich auf der Arbeitsplatte nahe der Spüle ab. Erleichtert schnappe ich nach Luft, lecke mir verärgert über die Nase und sehe sie böse an. Hoffentlich ist der Thunfisch dies alles wert.
Zu meinem Missfallen beginnt Monika erneut zu singen. Ich maunze erbost, doch nach ein paar gröberen Tätscheleien auf den Kopf, passend zum Takt der Musik, ziehe ich es vor, mich auf den Thunfisch zu konzentrieren. Mit einer eleganten Drehung entferne ich mich von meiner Menschin, jedoch nicht ohne sie noch leicht mit dem Schwanz am Arm zu touchieren, und springe von der Anrichte. Das ist Perfektion, das kriegt kein anderer so hin. Der Duft leckeren, eingelegten Thunfischs steigt mir nun stärker in die Nase, und ich wackele begeistert mit dem Kopf, als ich vor meinem Teller stehe.
Mit geschlossenen Augen beschnuppere ich den leckeren Fisch, und beginne dann ihn zu essen. Monika hat eines ihrer Lieblingslieder gewählt, und mir graut es, als ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie sie nun mit merkwürdigen Bewegungen durch den Raum läuft und dabei ständig in den Kochlöffel schreit. Ein ohrenbetäubender Lärm. Man muss die Menschen nicht verstehen. Aber irgendwie muss man sie trotzdem lieb haben. Sie können wohl nicht anders.
Als das Gejammer wieder Ausmaße annimmt, die ich nicht länger ignorieren kann, verschlinge ich schnell die letzten Thunfischhappen vom Teller, lecke ihn noch kurz aber gründlich sauber und verschwinde dann unbemerkt.
Sie hat vorhin die Tür zum Garten geöffnet und ich folge den letzten Sonnenstrahlen hinaus auf den grünen Rasen. Hier wird es noch eine Weile wohlig warm sein, und so mache ich es mir auf dem Rasen gemütlich und strecke alle Viere von mir. Der kühle Boden bildet einen herrlichen Kontrast zur warmen Sonne, die mein Fell zum Glühen bringt. Ich seufze auf. Ich mag mein Leben. Monika liest mir beinahe jeden Wunsch von den Augen ab, überrascht mich ständig mit neuem Spielzeug, und auch sonst hat meine Erziehung Früchte getragen.
Diese schrecklichen Spielmäuse werden nie wieder mein Revier betreten!
Alles ist so, wie ich es mir erträumt habe, als ich als Katzenkind die wildesten Geschichten der anderen Katzen im Tierheim gehört habe. Würde Monika doch bloß nicht so viel jammern, und sich auch mal über meine Geschenke freuen.
Ich öffne die Augen, prüfe die Lage und will gerade eindösen, als ich etwas grünes Hüpfendes sehe. Spielzeug! Monika wird Augen machen!